Fibromyalgie
Der Begriff Fibromyalgie bedeutet wörtlich übersetzt Faser-Muskel-Schmerz. Um den vielfältigen, nicht einheitlichen Ursachen der Erkrankung Rechnung zu tragen, wird der Begriff "Fibromyalgie-Syndrom" (FMS) gewählt. Manche Ärzte behaupten, dass es die Fibromyalgie bzw. ein Fibromyalgiesyndrom im Sinne einer Erkrankung " nicht gibt". Diese Behauptung ist falsch. Die "Fibromyalgie" ist in der Internationalen Klassifikation der Krankheiten der Weltgesundheitsorganisation, im Kapitel Krankheiten des Muskel-Skelett-Systems und des Bindegewebes in dem Unterkapitel "Sonstige Krankheiten des Weichteilgewebes, anderorts nicht klassifiziert" (M79.7), aufgeführt. Andere Ärzte behaupten, dass das FMS eine psychiatrische Krankheit sei. Diese pauschale Behauptung ist ebenfalls falsch. Richtig ist, dass bei FMS-Patienten häufig auch seelische Störungen vorliegen. In den westlichen Industrienationen ist ca. 1-2% der Bevölkerung von dieser chronischen Erkrankung betroffen. Zum größten Teil sind dies Frauen, aber auch Männer und Kinder können am FMS erkranken. Symptome des FMS Hauptsymptome des FMS sind chronische Schmerzen in mehreren Körperregionen, d.h. im Rücken (Nacken, Brustkorb, Kreuz) sowie in den Armen und Beinen sowie chronische Müdigkeit und Schlafstörungen. Die genannten Symptome müssen über einen Zeitraum von mindestens 3 Monaten vorliegen. Weitere häufige Begleitsymptome sind Morgensteifigkeit oder Schwellungsgefühle in den Händen, Füßen oder dem Gesicht. Viele Betroffene leiden unter weiteren körperlichen Beschwerden seitens der inneren Organe (Reizmagen-, Reizdarm-, Reizblasensymptome), Kopfschmerzen und Trockenheit bzw. Überempfindlichkeit der Schleimhäute sowie seelischen Beschwerden (z. B. Konzentrationsstörungen, vermehrte Ängstlichkeit oder Depressivität). Ursachen und Krankheitsmechanismen des FMS Es gibt keine einzelne, nur für das FMS zutreffende Ursache des Beschwerdebildes. Forscher gehen davon aus, dass die Kombination einer Veranlagung mit verschiedenen biologischen, psychischen und sozialen Faktoren zum Auftreten und Weiterbestehen eines FMS führt. Das FMS tritt gehäuft in Familien auf. Inwieweit Vererbung und inwieweit psychologische Faktoren (z.B. Lernmechanismen) zu dieser familiären Häufung führen, ist zurzeit nicht bekannt. Folgende Faktoren erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass es zu einem FMS kommt: Vermehrte Depressivität sowie körperliche (z. B. einseitige Körperhaltungen) und seelische (z. B. Mobbing) Belastungen am Arbeitsplatz. Negative Gedanken und Gefühle, die Betroffene in Zusammenhang mit körperlichen Beschwerden haben, Verhaltensweisen (z. B. übertriebene körperliche Schonung) und die Reaktionen der Umwelt (z. B. mangelndes Verständnis für die Beschwerden oder übertriebene Entlastung der Betroffenen) können einen negativen Einfluss auf den Verlauf der Beschwerden haben. Beim FMS ist die zentrale Schmerzverarbeitung gestört. Verlauf und Prognose Wenn es zu einem FMS gekommen ist, bestehen die Beschwerden und Beeinträchtigungen - mit oder ohne medizinische Behandlung - im weiteren Leben fort. Viele Betroffene kommen im Laufe der Zeit mit den Beschwerden und Beeinträchtigungen besser zu Recht. Das FMS führt nicht zu einer Invalidität (z. B. Rollstuhlpflichtigkeit) und nicht zu einer Herabsetzung der Lebenserwartung. Das FMS ist eine Erkrankung, dessen Symptome und Auswirkungen im Alltag gelindert werden können. Verschiedene Behandlungsmöglichkeiten stehen zur Verfügung, welche Sie gemeinsam mit Ihrem Arzt auf der Grundlage dieser Patienteninformation festlegen können. Wie das FMS diagnostiziert wird und eine gute Behandlung aussehen kann, erfahren Sie in den folgenden Abschnitten. Diagnose Wenn Sie zu Ihrem Arzt gehen, wird dieser erst einmal herausfinden wollen, ob es sich tatsächlich um ein FMS handelt oder ob andere Erkrankungen vorliegen. Betrachten Sie Ihren Arzt dabei als Partner und scheuen Sie sich nicht, im Ihre Sorgen, Bedenken und Einwände mitzuteilen. Um sich ein genaues Bild von Ihren Beschwerden zu machen, wird Ihr Arzt Ihnen viele, gegebenenfalls auch persönliche Fragen stellen (Anamnese). Daneben werden eine vollständige körperliche Untersuchung sowie einige Laboruntersuchungen durchgeführt. Die Laboruntersuchungen dienen dazu, andere Erkrankungen mit einer ähnlichen Symptomatik wie das FMS auszuschließen. Bei der Anamnese wird nach körperlichen und seelischen Beschwerden (siehe Symptome) sowie nach den Auswirkungen der Beschwerden im Alltag gefragt. Der Hauptbefund bei der körperlichen Untersuchung beim FMS ist die Druckschmerzhaftigkeit an Muskel- Sehnenansatzpunkten an so genannten Druckpunkten (englisch: Tender Points) bei Daumendruck durch den Arzt. Die Laboruntersuchungen beim FMS sind unauffällig, d.h. es ergeben sich keine Hinweise auf Entzündungen oder Stoffwechselerkrankungen. Ein FMS lässt sich nicht durch Labor- oder Röntgenuntersuchungen nachweisen. Diese Untersuchungen dienen allerdings dem Ausschluss von Erkrankungen, welche zu ähnlichen Symptome wie das FMS führen können. Liegen die typischen Symptome des FMS vor und ergeben die Befragung durch Ihren Arzt sowie einige Basislaboruntersuchungen keine Hinweise für andere Erkrankungen, sind Röntgenuntersuchungen nicht notwendig. Behandlung des FMS Das FMS ist durch medizinische Maßnahmen nicht heilbar. Ziele der Behandlung sind daher der Erhalt bzw. die Verbesserung der Funktionsfähigkeit im Alltag sowie der Lebensqualität und die Linderung bzw. Minderung der Beschwerden. Der wichtigste ärztliche Ansprechpartner in der Betreuung wird Ihr Hausarzt sein. Daneben können andere Fachärzte mit Erfahrung in der Behandlung des FMS einbezogen werden. Zwischen Haus- und Fachärzten sollte daher eine enge Zusammenarbeit stattfinden. Da das FMS ein lebenslang bestehendes Beschwerdebild sein kann, ist auch eine regelmäßige Behandlung sinnvoll. Die Leitlinie empfiehlt daher vor allem Behandlungsverfahren, die eigenständig durchgeführt werden können (sog. Selbstmanagement), die keine oder nur geringe Nebenwirkungen haben und deren langfristige Wirksamkeit gesichert ist. In der Behandlung des FMS werden Sie als Betroffene/ eine aktive Rolle übernehmen. Dies betrifft zum einen die Auswahl der Therapieverfahren und zum anderen deren Durchführung. Ihre behandelnden Therapeuten wie Ärzte, Psychologen oder Physiotherapeuten werden Sie in erster Linie über die Möglichkeiten der Behandlung informieren und Sie in Aktivitäten zur Selbstbehandlung (bspw. Entspannungsübungen, Funktionstraining) anleiten. Gemeinsam mit Ihren Therapeuten werden Sie in regelmäßigen Abständen die Wirksamkeit der jeweiligen Behandlung beurteilen. Die Auswahl einzelner Behandlungsverfahren treffen Sie gemeinsam mit Ihrem Therapeuten. Dabei richtet sich diese nach der wissenschaftlich belegten Wirksamkeit der Verfahren, nach Ihrer Akzeptanz der jeweiligen Behandlungsmöglichkeit (z. B. medikamentöse oder psychologische Therapie) und den möglichen Begleiterkrankungen. Da sich jeder Einzelne in der Ausprägung von Beschwerden und Beeinträchtigungen als auch im Ansprechen auf Behandlungsmaßnahmen unterscheidet, empfiehlt die Leitlinie ein abgestuftes Vorgehen. Die Auswahl der Therapieverfahren und Stufen der Behandlung sind dabei abhängig vom Ausmaß der Beeinträchtigungen sowie dem Ansprechen der Betroffenen auf die jeweilige Therapiemaßnahme. Eine Überprüfung der Therapieeffekte wird am Ende der jeweiligen Therapie sowie nach 6 und 12 Monaten empfohlen. Im Falle einer unzureichenden Wirksamkeit der Behandlung ist eine erneute Überprüfung der Diagnose FMS sowie das Vorliegen weiterer körperlicher und psychischer Begleiterkrankungen sinnvoll (Empfehlung offen). Die Behandlung des FMS erfolgt in den 3 Schritten Basistherapie, weiterführende Behandlung und Langzeitbetreuung. Bei der Erstdiagnose eines FMS werden die Information über das Krankheitsbild, die Ursachen sowie die Behandlungs- und Schulungsmöglichkeiten als erste therapeutische Maßnahmen empfohlen. Basistherapie: Betroffenen mit bedeutsamen Beeinträchtigungen von Alltagsfunktionen bei Diagnosestellung sollen im Rahmen eines mehrere Therapieoptionen umfassenden Behandlungskonzeptes folgende ambulante Behandlungen (einzeln oder in Kombination) angeboten und/oder eingeleitet werden: Patientenschulung, kognitiv-verhaltenstherapeutische Schmerztherapie (starke Empfehlung) An individuelles Leistungsvermögen angepasstes Herz-Kreislauf-Training (starke Empfehlung) Antidepressivum: Amitriptylin 25-50 mg/d (starke Empfehlung) Diagnostik und Behandlung begleitender körperlicher Erkrankungen und see-lischer Störungen (Empfehlung offen) Weiterführende Behandlung: Bei Betroffenen mit anhaltenden bedeutsamen Beeinträchtigungen von Alltagsfunktionen soll nach 6-monatiger Basistherapie eine multimodale Therapie (verpflichtend eine auf einander abgestimmte medizinische Trai-ningstherapie oder andere Formen der aktivierenden Bewegungstherapie in Kombination mit psychotherapeutischen Verfahren) angeboten werden (starke Empfehlung). Es wird empfohlen, eine multimodale Therapie ambulant durchzuführen. Wenn ambulante Maßnahmen nicht ausreichend bzw. nicht möglich sind, wird eine (teil-)stationäre multimodale Therapie in einer Rehabilitationsklinik (Rheumatologie, Psychosomatik mit Schwerpunkt chronischer Schmerz) oder einer Schmerzklinik bzw. Psychosomatischen Abteilung mit Schwerpunkt chronischer Schmerz empfohlen (Empfehlung offen). Langzeitbetreuung: Bei Betroffenen mit anhaltenden bedeutsamen Beeinträchtigungen von Alltagsfunktionen 6 Monate nach Ende einer (teil-)stationären multimodalen Therapie wird empfohlen, die im Folgenden genannten Behandlungsmöglichkeiten zu überprüfen. Bei einer Langzeitbetreuung sind Selbstverantwortung und Eigenaktivität der Betroffenen zu stärken. Es wird empfohlen, mit dem Betroffenen ein auf sie abgestimmtes Behandlungsprogramm zu erstellen (Empfehlung offen). Folgende Behandlungsmöglichkeiten können gemeinsam mit Ihnen erwogen werden: Keine weitere spezifische Behandlung (Empfehlung offen) Selbstmanagement: an individuelles Leistungsvermögen angepasstes Herz-Kreislauf-Training; Funktionstraining; Stressbewältigung (Empfehlung offen) Ambulante Fortführung multimodaler Therapien (Empfehlung offen) Wiederholung einer multimodalen Therapie (Empfehlung offen) Zeitlich befristet: Fluoxetin 20-40 mg/d bzw. Paroxetin 20-40 mg/d (Empfehlung) oder Duloxetin 60-120 mg/d (Empfehlung) oder Tramadol/Paracetamol bis zu 150mg/1300mg/d (Empfehlung) oder Pregabalin 450 mg/d (Empfehlung offen) Zeitlich befristet: Hypnotherapie/geleitete Imagination (Empfehlung) oder therapeutisches Schreiben (Empfehlung) Zeitlich befristet: Physikalische Therapieverfahren (Balneo- und Spa-Therapie bzw. Ganzkörperwärmetherapie) (Empfehlung) Zeitlich befristet: Komplementäre Therapieverfahren (Homöopathie bzw. vegetarische Kost) (Empfehlung offen)
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